Sozialwerk St. Georg

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Eine Schule fürs Leben

Kraft schöpfen, Neues wagen:
Wie hier in Dülmen, wo Sabine Gröver im letzten Jahr die "Wohnschule" des Sozialwerks St. Georg besucht hat. Seitdem lebt sie selbstständig in einer eigenen Wohnung - und ist hier noch einmal zu Gast im gerade angelaufenen Kurs, der die Menschen individuell stärkt auf dem Weg zur eigenständigen Lebensführung.
"Gemeinsam. Stark. Machen! - Ich nehme mein Leben in die Hand!"

An dem Ort, an dem wir heute zu Gast sind, passen das Jahresmotto 2017 „Gemeinsam. Stark. Machen!“ und der zugehörige Ausruf „Ich nehme mein Leben selbst in die Hand!“ ganz besonders gut: in der Wohnschule in Dülmen. Sie gehört zur Ambulanten Wohnschule im Kreis Coesfeld mit Büro und weiterem Treffpunkt in Lüdinghausen. Im nördlichen Westfalen bietet das Sozialwerk St. Georg dieses Angebot für Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernbehinderung außerdem noch im Kreis Soest an.

Der Redakteur wird schon erwartet an diesem Montagnachmittag im Haus des Regenbogen e. V. inmitten der Dülmener Innenstadt. Das Sozialwerk betreibt hier keinen eigenen Standort, sondern nutzt die Räumlichkeiten des Kooperationspartners mit. Kursleiterin Heike Engelmann (46) hat hier im Januar einen neuen Kurs gestartet. Die sieben Teilnehmenden der Ambulanten Wohnschule sind gespannt auf die Fragen, die der Gast aus Gelsenkirchen wohl stellen wird: „Wann kommt die Zeitung raus?“, „Bekommen wir auch ein Exemplar?“, wollen sie sofort wissen.

Das heißt: Eigentlich sind es sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sabine Gröver, die die Wohnschule bereits im letzten Jahr absolviert hat, ist extra noch einmal angereist. Und zwar „aus Lette, das liegt bei Coesfeld, mit dem Zug“, erzählt sie stolz. Früher, vor dem Besuch der Wohnschule, habe sie nämlich „echt Angst gehabt, Zug zu fahren“, sagt die 28-Jährige und berichtet: „Dann habe ich mit einer anderen Teilnehmerin der Wohnschule geübt. Heute habe ich keine Angst mehr.“ Vielmehr habe sie hinterher einem neuen Teilnehmer sogar erklärt, wie man Zug fährt – klasse! So kommt sie jetzt auch regelmäßig selbstständig in Nachbarorte, um Freunde zu treffen oder an Freizeitaktivitäten teilzunehmen – ein erstes Beispiel dafür, wie die Wohnschule Menschen mit Assistenzbedarf individuell stärkt auf dem Weg zur eigenständigen Lebensführung. Sabine Gröver sagt:

„Mich stärken: meine Familie, meine Clique, meine Betreuer.“

Sie lebt in einer eigenen Wohnung und wird von Mitarbeitenden des Ambulant Betreuten Wohnens des Sozialwerks begleitet. „Ich habe mit Frau Engelmann geübt, Wohnungsanzeigen zu lesen“, berichtet sie. Sie hat noch zwei ältere Schwestern, ist aber trotzdem als Erste ausgezogen. Heike Engelmann lobt: „Bei ihr ist es immer aufgeräumt – auch wenn man unangemeldet kommt.“ Ihre Eltern hätten sich zunächst Sorgen gemacht, ob das klappt, fügt Sabine Gröver hinzu, aber sie habe schon vor zwei Jahren gesagt:

„Ich will eine eigene Wohnung!“

Viele Gespräche und die Erfolge in der Wohnschule hätten ihre Eltern schließlich überzeugt. Denn in der Wohnschule lernen die Teilnehmenden ganz unterschiedliche Dinge, zum Beispiel Einkaufen und Kochen: Bei jedem Treffen gibt es ein Rezept. Zuerst wird gemeinsam eingekauft und dann zusammen gekocht – heute gibt es beispielsweise Leberkäs-Brötchen mit Kraut. „Pudding kochen war schwierig“, erinnert sich Sabine Gröver an ihre ersten „Gehversuche“ in der Küche; aber das geht jetzt auch.

Ein Kurs dauert zwei Jahre. „Alle zwei Wochen montags treffen wir uns, von 17.00 bis 20.30 Uhr“, sagt Heike Engelmann. Anfangs gehe es darum, sich kennenzulernen und Hemmungen abzubauen, so die Diplom-Sozialpädagogin: „Jeder soll in der Runde zu Beginn beim Kaffeetrinken sagen, was ihn interessiert, das ist die Maxime.“ Diese gemeinsame Runde zu Beginn ist sehr wichtig. Sabine Gröver bringt sogleich ein Beispiel: „Was gibt es Neues bei der Arbeit?“, damit komme man gut ins Gespräch. Heike Engelmann erläutert: „Struktur ist wichtig im Leben und Pläne helfen den Teilnehmenden dabei, sie zu bekommen.“ Jeder Teilnehmer bekommt darum eine eigene Mappe mit Bildern, Rezepten und Arbeitsblättern.

Es gibt aber auch immer ein inhaltliches Thema des Abends, zum Beispiel: „Wie gehen wir miteinander um?“, Freunde finden, ein Kommunikationstraining („Wie rede ich mit anderen Leuten?“), Themen wie öffentliches Leben und Mobilität, Arbeit, Medien („Wie benutze ich ein Handy?“) oder Freizeitgestaltung. Heute erzählen die Teilnehmenden mit Blick auf den Gast, was sie persönlich stark macht (siehe Fotos).

„Mut tut gut!“

Die Kursabende werden ergänzt durch acht Stunden Einzelförderung jährlich, um auf individuelle Fragestellungen optimal eingehen zu können oder das Erlernte in der jeweils eigenen Umgebung zu festigen. Eine Seminarwoche pro Jahr bildet neben den Kursabenden und der Einzelförderung die dritte Säule der Wohnschule. Fünf Tage am Stück heißt es dann zum Beispiel: „Mut tut gut!“ Heike Engelmann erklärt: „Bei diesem Selbstbewusstseinstraining lernen die Teilnehmenden, ‚Stopp!‘ zu rufen oder wie man sich mutig hinstellt. Und dass es nicht schlimm ist, wenn auch mal was schiefläuft, dass man sich Hilfe holen kann.“ Die Fachleiterin des Sozialwerks betont, wie wichtig das umfassende Stärken aller Lebensbereiche für die Menschen mit Assistenzbedarf ist. Der Eine könne das Eine besser, die Andere etwas Anderes; so stärken sich die Teilnehmenden im Kurs auch gegenseitig. „Das Komplettpaket macht es so sinnvoll. Durch das intensive Kompaktangebot über den Zeitraum von zwei Jahren erreichen wir neben der Erweiterung einzelner Kompetenzen eine wirkliche Stärkung der Persönlichkeit“, so Engelmann.

Nun reicht es aber mit der Fragestunde –jetzt geht es endlich gemeinsam in die Küche, wo jeder eine Aufgabe bekommt, ob beim Essenzubereiten oder beim Tischdecken. Dann lassen sich alle die Brötchen mit Leberkäse schmecken – und üben dabei gleichzeitig eine gute Tischkultur ein.

So geht der Tag in der Wohnschule Dülmen zu Ende – nicht ohne hinterher gemeinsam abzuspülen und aufzuräumen, versteht sich!

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