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„Der Bergbau geht – die Maloche bleibt“

28.06.2018

Sozialwerk St. Georg: Jahresbericht „Gemeinsam. Stark. Machen!“ - Arbeits- & Qualifizierungsangebote ausgebaut – Appell an Land und Bund: „Arbeitsplätze in Inklusionsunternehmen ausreichend fördern!“ – Ziel: Menschen beteiligen, bemächtigen, befähigen

„Der Bergbau geht – die Maloche bleibt“

(v. l.) Gitta Bernshausen, Verena Birnbacher, Wolfgang Meyer, Angeles Miranda-Lopez und Kerstin Kaldemorgen präsentieren stolz die handgefertigten Produkte der „Ruhrpott-Kollektion“ aus der Emscher-Werkstatt des Sozialwerks St. Georg in Gelsenkirchen

Handgefertigte, hochwertige Eigenprodukte aus der „Ruhrpott-Kollektion“ der Emscher-Werkstatt in Gelsenkirchen sind ein sichtbares Ergebnis des „Gemeinsam. Stark. Machens“ im Sozialwerk St. Georg

Ingo Sülwold stellte beim Jahrespressegespräch des Sozialwerks St. Georg seinen Außenarbeitsplatz bei der Stadtverwaltung Gelsenkirchen und das für den Preis „excellent:bildung“ nominierte Programm „vierB“ vor – für diesen Betrieblichen BerufsBildungsBereich sucht die Emscher-Werkstatt weitere Unternehmen im Ruhrgebiet, die die Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen mit Assistenzbedarf nutzen möchten.

NRW/Gelsenkirchen. – Der Vorstand des Sozialwerks St. Georg hat am Donnerstag (28. Juni) in der Emscher-Werkstatt in Gelsenkirchen den Jahresbericht 2017 „Gemeinsam. Stark. Machen!“ vorgestellt. „Wir haben unsere Angebote vor allem im Bereich Arbeit und Qualifizierung, aber auch beim ambulanten Wohnen in 2017 weiter ausgebaut“, fasst Vorstand Wolfgang Meyer den Jahresbericht auf www.gemeinsam-anders-stark.de/jahresbericht für NRW zusammen. Meyer appelliert mit Blick auf das im neuen „Bundesteilhabegesetz“ (BTHG) verbriefte Recht auf Arbeit an Land und Bund: „Sorgen Sie für eine dauerhafte, ausreichende Finanzierung der Inklusionsunternehmen, damit Menschen mit Behinderung auch zukünftig am Arbeitsleben teilhaben können!“

„Grundlage unserer Arbeit ist, dass uns Menschen mit Assistenzbedarf als Experten in eigener Sache selbst mitteilen, wie sie sich ihre zukünftige Entwicklung vorstellen“, sagt Vorstand Gitta Bernshausen über die „inhaltlichen Pfeiler“ des Assistenzkonzepts „Qualität des Lebens“: „Auf diese Weise werden sie zu aktiven Gestaltern ihres Lebensweges“, so Bernshausen. Dabei reflektieren sie regelmäßig darüber, wie es um ihre persönliche Qualität des Lebens bestellt ist. Mithilfe des Jahresberichts 2017 unternimmt der Leser auf www.gemeinsam-anders-stark.de/jahresbericht eine Reise durch das Sozialwerk St. Georg zu den acht „Domänen“ – Lebensbereichen – der Qualität des Lebens wie „Soziale Beziehungen“, „Persönliche Entwicklung“ oder „Rechte“.

Im vergangenen Jahr ist in punkto Rechte das Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft getreten. Das BTHG hat die verbesserten Rechte für Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung, die sich aus der UN-Behindertenrechtskonvention ergeben, erstmals in nationales Recht umgesetzt. Gitta Bernshausen: „Die darin verankerten Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zum Beispiel sollen Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufzunehmen.“ Doch dieser ist ihnen oft verschlossen: So verringerte sich laut Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderung in Westfalen-Lippe im Jahr 2017 lediglich um rund 1,3 Prozent, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aber um rund 3,4 Prozent. In Gelsenkirchen waren laut Arbeitsagentur im Mai dieses Jahres 429 Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet – und damit sogar vier Personen mehr als vor Jahresfrist.
 
Eine Brücke bilden Inklusionsunternehmen wie die INTZeit-Arbeit gGmbH des Sozialwerks St. Georg, die ihr Angebotsspektrum im vergangenen Jahr ausgebaut und weitere Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt geschaffen hat. Ob im Handwerker- oder Elektroservice, im Einzelhandel oder ganz aktuell mit dem neuen „Bistro im Justizzentrum“ in Gelsenkirchen in der Gastronomie: „Die INTZeit-Arbeit gGmbH gehört mit mittlerweile 209 Mitarbeitenden – davon 48 Prozent mit Schwerbehinderung – zu den größten Inklusionsunternehmen in NRW“, sagt Wolfgang Meyer. In Verbindung mit den Angeboten in den Tagesstätten und den beiden Werkstätten mit ihren 108 Außenarbeitsplätzen gilt laut Meyer: „Damit haben sehr viele Menschen mit Hilfe des Sozialwerks die Chance, wertschöpfend tätig zu sein“. Ende 2017 waren auf Außenarbeitsplätzen und in Inklusionsprojekten des Sozialwerks insgesamt 170 Menschen mit Assistenzbedarf tätig, rund zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Hiervon waren 17 Auszubildende (von ihnen neun mit Schwerbehinderung) – sechs von ihnen haben bis heute einen Abschluss gemacht (darunter fünf Menschen mit teils erheblichem Assistenzbedarf).
 
Dabei ist die Lage gerade für diese Inklusionsunternehmen wirtschaftlich herausfordernd: Unternehmen, die keine oder zu wenige Menschen mit Schwerbehinderung einstellen, müssen grundsätzlich eine sogenannte Ausgleichsabgabe zahlen. So gab es beispielsweise alleine in Gelsenkirchen laut Agentur für Arbeit im Jahr 2016 rund 500 „unbesetzte Pflichtarbeitsplätze“. Aus den Mitteln der Ausgleichsabgabe werden bundesweit Inklusionsbetriebe wie die INTZeit-Arbeit gGmbH für die Einstellung von Menschen mit Schwerbehinderung gefördert. Da diese Mittel aber nicht ausreichten, hatte der Bund das Förderprogramm „Alle im Betrieb“ aufgelegt. Die Mittel hieraus sind für das Bundesland Nordrhein-Westfalen aber ebenfalls bereits gebunden. „In Westfalen-Lippe zeichnet sich deshalb inzwischen für Inklusionsunternehmen eine gewaltige Finanzierungslücke ab“, beklagt Wolfgang Meyer und erläutert: „Das hat zur Folge, dass Menschen mit Schwerbehinderung nicht mehr im gleichen Maße wie früher eingestellt werden können – dadurch wird bei Inklusionsunternehmen das notwendige Wachstum verhindert.“

Das Sozialwerk St. Georg appelliert deshalb an das Land NRW und insbesondere an den Bund: „Sorgen Sie für eine dauerhafte, ausreichende Finanzierung der Inklusionsunternehmen, damit Menschen mit Schwerbehinderung hier in bestehenden Arbeitsverhältnissen weiterhin und bei neuen Arbeitsplätzen zukünftig wieder gefördert werden und so am Arbeitsleben teilhaben können!“

Wolfgang Meyer bekräftigt: „Wir werden so lange trotzdem mit unseren Werkstätten und unserer INTZeit-Arbeit gGmbH proaktiv alles uns Mögliche tun, um Menschen mit Assistenzbedarf weiterhin zu qualifizieren und in Arbeit und Beschäftigung zu bringen.“ Der Vorstandssprecher unterstreicht: „Soziale Unternehmen sind dabei nicht etwa ‚Kostgänger der Nation‘, und Menschen mit Assistenzbedarf sind keine Fürsorge-Bittsteller! Vielmehr sollten auch sie angesichts des Fachkräftemangels ihre Fähigkeiten und ihr Wissen ins Arbeitsleben einbringen können.“ Meyer ist sicher: „Darum rentiert sich hier, auch volkswirtschaftlich betrachtet, jeder einzelne Euro, der für die Unterstützung der Menschen in Inklusionsunternehmen investiert wird, weil wir Arbeitsplätze für Klienten und Mitarbeitende schaffen.“

Gemäß der Devise „So viel ambulante Assistenz wie möglich“ ist das Ambulant Betreute Wohnen im Sozialwerk St. Georg in 2017 um weitere rund fünf Prozent auf 1.595 Klientinnen und Klienten gewachsen. Somit hat sich das Verhältnis ambulant zu stationär weiter zugunsten der ambulanten Assistenz verschoben, die Ende 2017 bereits 45 Prozent der Assistenzverhältnisse einnahm; 2005 waren es hingegen nur 23 Prozent und im Jahr 2000 gerade mal sechs Prozent. Gitta Bernshausen unterstreicht diesen enormen Wandel: „Ein wichtiges Ziel ist für uns stets, die Menschen zu befähigen, immer weniger Unterstützung in Anspruch zu nehmen und sie so nach und nach in autonome oder autonomere Lebensbezüge zu entlassen“, so Bernshausen. Dies sei den Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeitenden des Sozialwerks in den vergangenen Jahren jeweils konstant in rund 160 Fällen gelungen.

Dass das Unternehmen sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich gut aufgestellt ist, zeigen auch die weiteren Kennzahlen des Geschäftsjahres 2017: So beliefen sich die Umsatzerlöse aus rund 5.100 Assistenzverhältnissen auf rund 139,5 Millionen Euro und die Gesamterträge auf rund 152,1 Millionen Euro – bei einem Personalaufwand für rund 2.700 Mitarbeitende (davon rund 1.000 in Gelsenkirchen) von rund 111,8 Millionen Euro. Dazu Wolfgang Meyer: „Das Sozialwerk St. Georg hat sich frühzeitig auf die geänderten Rahmenbedingungen des Bundesteilhabegesetzes eingestellt. Wir sind deshalb trotz der schwierigen Personalgewinnung strategisch gut aufgestellt und für die Zukunft gewappnet.“ Meyer betont: „Wir werden weiter bedarfsgerechte Angebote für die Menschen gestalten inklusive Arbeits-, Qualifizierungs- und Bildungsmöglichkeiten – ganz im Sinne unseres Jahresthemas 2017 ‚Gemeinsam. Stark. Machen!‘“

In 2018 steht im Sozialwerk das „Miteinander auf Augenhöhe“ besonders im Fokus. Grundlage sind das Leitbild des Unternehmens und ein umfassendes Schutzkonzept „A wie achtsam!“ zur Prävention von Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung. „Hier sind die Rechte von Menschen mit Assistenzbedarf umfassend beschrieben und festgelegt“, sagt Gitta Bernshausen. „In diesem Jahr geht es dabei vor allem um einen gewaltfreien, gleichberechtigten und achtsamen Umgang.“ Vorbeugende Maßnahmen wie Schulungen der Mitarbeitenden sollen Gewalt in jeglicher Form keine Chance geben. Beispiele, wie sich insbesondere die sogenannte Strukturelle Gewalt im Alltag vermeiden lässt, finden sich auf www.gemeinsam-gewaltfrei-gleichberechtigt.de.

 

Gemeinsam. Stark. Machen!“, Beispiel „vierB: Lernen im Betrieb“

Menschen mit und ohne Assistenzbedarf stärken sich gegenseitig – zum Beispiel mithilfe des Programms „vierB“: Dies steht für „Betrieblicher BerufsBildungs-Bereich“. Die Sozialwerk St. Georg Werkstätten gGmbH hat dieses neue Konzept zusammen mit der Caritas Gladbeck entwickelt. Hierbei lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer direkt in einem Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarkts. Bildungsbegleiter und Jobcoaches begleiten die Teilnehmenden von Anfang an – mit dem Ziel der anschließenden Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Auf der Werkstätten-Messe in Nürnberg im April ist „vierB“ deshalb für den Preis „excellent:bildung“ nominiert worden.
„Was Besseres konnte mir nicht passieren“ sagt Ingo Sülwold beim Pressegespräch. Der 51-Jährige psychisch erkrankte Gelsenkirchener hat über eine Berufsbildungsmaßnahme im Oktober letzten Jahres einen Außenarbeitsplatz im Referat für Soziales der Stadt Gelsenkirchen gefunden, in der Abteilung Flüchtlinge und Wohnungslose. „Ich bin wieder berufstätig. Ich fühle mich hier wieder als Mensch!“, sagt der gelernte Prozessleitelektroniker und Mechaniker und bekräftigt: „Es geht dabei nicht ums Geld. Es geht einfach darum, wieder Mensch zu sein.“
Verena Birnbacher, seit April neue Geschäftsführerin der Sozialwerk St. Georg Werkstätten gGmbH und der Sozialwerk St. Georg Ruhrgebiet gGmbH, unterstreicht: „Unser Ziel ist es, für jeden einzelnen Menschen mit seinen ganz individuellen Bedarfen die passende Tätigkeit und den richtigen Arbeitsplatz zu finden. Deshalb entwickeln wir unsere Angebote an beruflicher Förderung und Unterstützung konsequent weiter – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Werkstatt.“ 
Mehr zu „vierB“: www.gemeinsam-anders-stark.de/neuigkeiten > 7.5.18: „Lernen im Betrieb“ 

 

Gemeinsam. Stark. Machen! – Beispiel: „Ruhrpott-Kollektion“

Menschen mit und ohne Assistenzbedarf arbeiten gemeinsam, gleichberechtigt, auf Augenhöhe zusammen – wie im Textilbereich der Emscher-Werkstatt:
Hier arbeitet Kerstin Kaldemorgen an Produkten der „Ruhrpott-Kollektion“. Sie sagt beim Pressegespräch: „Ich bin sehr froh, hier zu arbeiten. Wenn man am Ende des Tages sieht, was man alles hergestellt hat und welche Ideen wir umsetzen konnten, dann macht einen das glücklich.“ Kaldemorgen ergänzt: „Alles hat Bezug zum Ruhrpott. Wir haben uns inspirieren lassen. Jetzt können wir mit Stolz sagen, wir haben etwas geschafft.“
Kollegin Angeles Miranda-Lopez fügt hinzu: „Die Textilarbeit ist meine Leidenschaft. Es ist großartig, dass ich hier jetzt weiter in diesem Bereich tätig sein kann.“ Die gelernte Näherin konnte ihrem regulären Beruf nach einer psychischen Erkrankung nicht mehr nachgehen.
Gerade in diesem letzten Jahr des Bergbaus im Ruhrgebiet stehen die Kerzen, Handtücher, Taschen und vieles mehr im „Ruhrpott-Design“ im Mittelpunkt des Interesses. „Wenn wir hören, wie viele unserer Artikel verkauft wurden, dann macht uns das unheimlich stolz, und wir haben noch mehr Motivation, neue, andere Produkte zu entwickeln.“ Dadurch konnten sie nicht zuletzt auch etwas für die Bekanntheit und das Ansehen ihrer eigenen Heimatregion bewirken.
Geschäftsführerin Verena Birnbacher erläutert: „Teilhabe am Arbeitsleben ist für alle Menschen ein Grundbedürfnis. Arbeit steht dabei für den persönlichen Erfolg, sie gibt Sicherheit, Identität und sorgt für soziale Kontakte.“ Sie erzählt: „Als mir die Ruhrpott-Kollektion vorgestellt wurde, war ich begeistert! Mit der Kollektion wachsen Inklusion und die Identifikation mit der Geschichte des Ruhrgebiets zusammen.“ Die „Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) hat das honoriert und die „Ruhrpott-Kollektion“ im April für den Preis „excellent:arbeit“ nominiert.
Vorstand Wolfgang Meyer formuliert es mit Blick auf das Auslaufen des Steinkohlen-Bergbaus Ende des Jahres und den Absatz der Ruhrpott-Kollektion augenzwinkernd so: „Der Bergbau geht – die Maloche bleibt!“
Mehr zur Ruhrpott-Kollektion: www.shop-lebensart.com > „Ausse Heimat“

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