Sozialwerk St. Georg

Angebote für Menschen - Suche nach Einrichtungen und Angeboten

Angebote für Unternehmen - Informationen für Unternehmen über unsere Werkstätten

Einrichtungen und Angebote suchen

Schritt für Schritt aus der Einsamkeit

Helmut Spallek führt in seiner Wohngemeinschaft für Demenzkranke ein aktives Leben

1-Helmut-Spallek-Zeichnungen

Laufen war schon immer eine seiner größten Leidenschaften. 44 Sportabzeichen hat er in der Vergangenheit geholt; wobei Skifahren sein Lieblingssport war, erinnert sich Helmut Spallek mit einem Lächeln, das sehnsuchtsvoll wirkt. Heute genießt der 86-Jährige, der in Niederschlesien aufwuchs, ausgiebige Spaziergänge und Nordic Walking am liebsten allein, weil er dann seine Ruhe habe, sagt er. 

„Bei seinem Tempo lässt er aber auch die anderen aus dem Haus locker hinter sich“, wirft Marina Contini lachend ein. Sie ist Alltagsbegleiterin der ALPHA (Allgemeine und psychiatrische Hauskrankenpflege), im ambulanten Pflegedienst des Sozialwerks in Duisburg und widmet sich der Organisation im Haus und dem Tagestreff für Menschen mit Eine Demenz ist ein Defizit in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, das zu einer Beeinträchtigung sozialer und beruflicher Funktionen führt und meist mit einer diagnostizierbaren Erkrankung des Gehirns einhergeht.
[Mehr: Klick auf den Begriff]
Demenz
. Sie kennt die Bewohner und Bewohnerinnen gut; und ist so auch für Helmut Spallek eine wichtige Ansprechpartnerin geworden. Ihn kennt sie bereits aus dem Tagestreff, zu dem er zweimal in der Woche, eineinhalb Jahre lang, von morgens bis nachmittags kam, bevor er stetig in seiner eigenen Wohnung, allein lebend, nicht mehr zurechtkam und vor etwa einem Jahr in eine der drei Wohngemeinschaften an der Ehrenstraße zog.

Erinnerungen an früher
2-Helmut-Spallek-Gaertnern

„Einsam war es am Ende“, sagt der Rentner und schaut nachdenklich zu seinem langjährigen Freund Heinz Wolny herüber, der ihn heute zum ersten Mal in seinem neuen Zuhause besucht: „Wir kennen uns seit über sechzig Jahren, haben zusammen bei Krupp gearbeitet und über 30 Jahre lang Skat gespielt, weißt Du noch Helmut?“, fragt er seinen alten Freund. Dieser nickt langsam und versinkt kurz in seinen Erinnerungen: „Ich erinnere mich auch noch genau an die Zeit in Kriegsgefangenschaft in Frankreich. Das waren die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens. Ich wusste nicht, ob meine Familie noch lebt. Als ich dann durch einen glücklichen Zufall und mithilfe eines sogenannten Schreibers nach Deutschland gehen durfte, traf ich in Berlin meine Eltern wieder und wir sind dann gemeinsam ins Ruhrgebiet gezogen. Ich arbeitete als Fräser und bald darauf 30 Jahre nebenberuflich als Interviewer für die Gesellschaft für Konsumverhalten. Da habe ich viele Menschen getroffen, das war wirklich interessant.“ 

Weitere Erinnerungsbilder bringen ihn schnell wieder zum Lachen: „Natürlich weiß ich auch noch, wie wir unsere Frauen beim Schwofen kennengelernt haben, das war was“, schmunzelt er und fügt stolz hinzu: „Ich habe auch drei Kinder, zwei Söhne, Rainer und Wolf-Dieter, und eine Tochter, sie heißt Britta. Mit ihr habe ich gestern nach einem neuen Auto geguckt. Nicht für mich natürlich, das geht ja nicht mehr“, sagt er. „Fahrradfahren, das wäre noch mal was“, schwärmt er, wobei er weiß, dass ihm das nicht mehr möglich sein wird. 

Er konzentriert sich nun auf andere Hobbies, die er auch schon pflegte, als er noch gesund war – Zeichnen und Malen in der Kunstgruppe sowie Gärtnern. Letzteres kommt auch den anderen Klienten und Mitarbeitern zugute. Gutgelaunt steht der WG-Bewohner aus seinem Sessel auf, verlässt seinen gemütlichen Raum, grüßt eine Zimmernachbarin, die bei der Vorbereitung des Mittagessens in der offenen Küche hilft, läuft vorbei an der einladenden Couch und tritt raus in den kleinen Garten im Innenhof des Hauses. Er atmet hörbar ein und wieder aus: „Um den kümmere ich mich ganz allein. Jeden Tag stehe ich auf, gehe hierher, gieße die Blumen und zupfe Unkraut, eben das was ansteht, bis ich dann zum Frühstücken gehe. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wach zu werden und nichts zu tun zu haben“, erklärt er und nimmt die Gießkanne in die Hand, um die Pflanzen noch einmal an diesem Tag zu wässern.

Zeit für Hobbys
5-Rainer-und-Helmut-Spallek

Früher war Helmut Spallek auch sehr umtriebig; mit seinem Freund Heinz Wolny unternahm er kleine Reisen, hat seinen großen Garten mit viel Liebe gepflegt und war immer in Bewegung. „Es ist wichtig, dass er hier mit Freude etwas machen kann, das ihm am Herzen liegt, und wo er sich einbringen kann“, meint Marina Contini, die sich auch gerne zu ihrem Bewohner gesellt, um mit ihm in Ruhe die neuen Blüten zu bewundern und zu plaudern.

Mit dem Zeichnen möchte der Pensionär wieder mehr Zeit verbringen, weil er früher schon gerne mit dem Bleistift kreativ war. Bilder aus dieser Zeit hat er in seinem Zimmer aufgehängt und zeigt sie gern, wenn er Besuch hat. 

Heute kommt überraschend noch ein zweiter Gast vorbei – sein Sohn Rainer. Er ist froh, dass sein Vater liebevoll betreut wird und schaut gerne in der Wohngemeinschaft vorbei. Die beiden begrüßen sich herzlich, während Helmut Spalleks Freund sich auf den Weg nach Hause macht, nicht ohne die Zusage, bald wiederzukommen. Die beiden Freunde umarmen sich zum Abschied fest und Heinz Wolny sagt leise: „Gut, dass du jetzt hier bist. Ist doch schön, dass alle so nett sind, meinst du nicht auch? Es geht dir doch gut?“ Der Hobby-Gärtner lächelt warmherzig zurück und antwortet: „Ich bin zwar noch nicht glücklich, aber ich bin fürs Erste zufrieden. Das ist sehr viel wert. Und dem Glück kann ich ja bei Zeiten noch mal in seinen Allerwertesten treten.“

Autorin: Sabine Loh, Freie EinBlick-Mitarbeiterin