Arbeit anders denken: Warum wir auf unsere Stärken schauen
Wie können wir unter veränderten Rahmenbedingungen weiterhin gute Arbeit leisten - ohne uns zu überlasten? Vorstand Thomas Kaczmarek erklärt im Interview, warum das Sozialwerk künftig stärker auf die Stärken von Mitarbeitenden setzt, was hinter dem Stärkenkompass steckt und wie sich Zusammenarbeit in Teams dadurch verändern kann.
Die Ausgangslage: Die Rahmenbedingungen verändern sich
Herr Kaczmarek, die Personalstrategie des Sozialwerks St. Georg läuft seit 2025. Viele von den Kolleg:innen kennen die zentralen Punkte bereits. 2026 geht es nun darum, den nächsten Schritt zu gehen. Das aktuelle Jahresmotto lautet: „Arbeit anders denken: Verantwortungs-, Fehler- und Teamkulturen entwickeln und etablieren.“ Was hat sich in den letzten Jahren geändert? Warum glauben wir, dem etwas entgegensetzen zu müssen?
Thomas Kaczmarek: „Früher war es so: Man hat überlegt, wen man braucht und hat die Leute dann auch irgendwann gefunden. Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Immer weniger Fachkräfte treffen auf eine steigende Nachfrage nach Unterstützung. Gleichzeitig stehen weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Wir müssen es schaffen, mit weniger Personal mehr Menschen zu unterstützen. Und dabei die Qualität zu halten. Das ist der Ausgangspunkt der Personalstrategie.“
Die eigentliche Herausforderung: Arbeit darf nicht einfach dichter werden
Eine naheliegende Lösung wäre, die gleiche Arbeit mit weniger Menschen zu erledigen, nur einfach schneller und effizienter.
Doch genau davor warnt Thomas Kaczmarek: „Wenn wir einfach nur mehr Arbeit in die gleiche Zeit pressen, macht das krank. Das funktioniert nicht dauerhaft. Deshalb setzt die Personalstrategie bewusst an einem anderen Punkt an: Wir müssen Arbeit anders organisieren, die Verantwortung anders verteilen, Führung neu denken und gezielt durch Digitalisierung entlasten.“
Ein neuer Blick auf Arbeit: Stärken statt Defizite
Ein zentraler Baustein dabei ist ein Perspektivwechsel, der im Alltag oft ungewohnt ist.
Kaczmarek: „Wir schauen konsequent auf das, was Menschen gut können und nicht auf das, was sie nicht gut können. Was in der Arbeit mit Klient:innen längst selbstverständlich ist, wird damit auch auf die Zusammenarbeit im Team übertragen.
Traditionell schauen wir eher darauf, was jemand nicht gut kann und wie wir sie oder ihn dazu befähigen, dass sie oder er es doch kann. Wenn auch nur mittelmäßig. Das ist defizitorientiert. Der neue Ansatz geht bewusst einen anderen Weg. Wir wollen damit Stärken erkennen, sie mit dem Stärkenkompass sichtbar machen, um sie dann gezielt einzusetzen. Denn eigentlich ist das uns allen klar: Wenn Menschen das tun, was sie gut können, steigt die Qualität und sie arbeiten einfach lieber.“
Der Stärkenkompass: Ein Werkzeug, um Zusammenarbeit neu zu gestalten
Um diesen Ansatz im Alltag umzusetzen, wird im Sozialwerk also der Stärkenkompass eingeführt…
Dabei ist für Thomas Kaczmarek eines wichtig zu betonen: „Der Stärkenansatz bedeutet nicht, dass jede:r nur noch das macht, was ihm oder ihr am meisten liegt. Teams sind bewusst unterschiedlich zusammengesetzt. Genau deshalb können sie gemeinsam alle Aufgaben abdecken. Und natürlich gehören auch Tätigkeiten dazu, die weniger Spaß machen. Entscheidend ist aber: Wir schauen genauer hin, wer wofür besonders geeignet ist, und verteilen Aufgaben bewusster. Der Stärkenkompass hilft dabei, diese Unterschiede sichtbar zu machen und im Team ins Gespräch zu bringen. So entsteht ein gemeinsames Verständnis dafür, wie Zusammenarbeit konkret funktionieren kann.“
Die eigentliche Arbeit beginnt aber doch erst nach dem Ausfüllen des Kompasses, im Team, oder?
„Ja. Und jedes Team muss für sich klären: Was bedeutet das für uns? Dabei kann es zum Beispiel sein, dass Aufgaben und Rollen hinterfragt werden, sich Zuständigkeiten ändern. Es muss doch nicht sein, dass alle alles gleich gut können. Viel sinnvoller ist es doch, Aufgaben gezielt dort zu bündeln, wo die Stärken liegen.“
Verantwortungsübernahme stärken
Mit diesem Ansatz verändert sich auch die Zusammenarbeit im Team.
Kaczmarek: „Wir wollen weg von der Haltung: ‚Chef, sag mir, was ich tun soll.‘ Gleichzeitig motiviert der Stärkenansatz unsere Mitarbeitenden, mehr Verantwortung in ihren Bereichen zu übernehmen. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Deshalb ist es zum Beispiel völlig legitim, einfach zur Arbeit zu kommen, seine Aufgaben gut zu machen und wieder nach Hause zu gehen. Der Stärkenansatz eröffnet Möglichkeiten, er setzt aber kein einheitliches Ideal voraus.“
Was jetzt wichtig wird
Die Einführung des Stärkenkompasses erfolgt schrittweise in den kommenden Monaten. Dabei spielen Führungskräfte eine zentrale Rolle. Sie begleiten die Prozesse in den Teams und sorgen dafür, dass Ergebnisse auch umgesetzt werden.
Vorstand Kaczmarek macht deutlich: „Wenn Teams sich auf den Weg machen, aber Führung das nicht aufgreift, dann sind solche Prozesse schnell verbrannt. Gleichzeitig ist der Prozess bewusst langfristig angelegt, weil nicht jedes Team sofort starten kann.“
Ein gemeinsamer Weg
Die Personalstrategie und der Stärkenansatz sind kein kurzfristiges Projekt. Sie sind ein langfristiger Weg, um auch unter veränderten Bedingungen gut arbeiten zu können.
Oder, wie Thomas Kaczmarek es formuliert: „Wenn Mitarbeitende am Ende sagen: Ich mache das, was ich gut kann, ich werde gesehen und ich gehe gerne zur Arbeit – dann haben wir viel erreicht.“
Mehr zur Personalstrategie
Wie die Personalstrategie im Sozialwerk konkret gedacht ist, beschreibt Birte Petersen ausführlich im „Sozialus“-Magazin der Sozialbank. Zum Interview in der Ausgabe April 2026 geht es hier.