Manifesta 16 Ruhr: Ein besonderer Blick auf St. Anna
Welche Rolle kann eine Kirche heute spielen, wenn der Gottesdienst nicht mehr selbstverständlich ihr Mittelpunkt ist? Auch darum ging es beim „Group Walk“ durch die Kirche St. Anna, dem sich am heutigen Donnerstag rund 25 Klient:innen und Mitarbeitende des Sozialwerks St. Georg anschlossen. Gemeinsam erkundeten sie die Kirche als einen der Ausstellungsorte der Manifesta 16 Ruhr und lernten die dort gezeigten Kunstwerke näher kennen.
Seit 2007 gehört St. Anna zum Sozialwerk St. Georg. Seither hat sich die Kirche zu einem besonderen Ort im Sozialwerk entwickelt: Gottesdienste finden hier weiterhin statt, zugleich gibt es Raum für Musik, Theater, Kunst, Workshops und Begegnung. Als die Anfrage der Manifesta 16 Ruhr kam, St. Anna als Ausstellungsort zu nutzen, musste das Sozialwerk deshalb nicht lange überlegen. Konzerngeschäftsführer Thomas Kaczmarek: „Wir waren uns schnell einig, dass wir St. Anna gerne dafür zur Verfügung stellen möchten. Die Kirche ist für uns ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen – durch die Ausstellung lässt sie sich noch einmal aus ganz neuen Perspektiven erleben.“
Im Rahmen der europäischen Wanderbiennale trägt St. Anna nun bis Anfang Oktober den Namen „St. Anna – Hatay Engin Music Hall“. Namensgeber ist der türkische Sänger Hatay Engin (1948–2020), der Anfang der 1970er-Jahre nach Berlin kam und zu einer prägenden Stimme der türkischen Kunstmusik und der musikalischen Diaspora wurde. Kim Lempelius, Koordinatorin für Bildung und Vermittlung der Manifesta 16 Ruhr, führte die Gruppe durch die Ausstellung. Dabei erklärte sie nicht einfach die einzelnen Arbeiten, sondern bezog die Teilnehmenden mit Fragen und Denkanstößen ein.
Dabei ging es um Fragen, die weit über die einzelnen Kunstwerke hinausreichen: Was bedeutet es, anzukommen und sich zugehörig zu fühlen? Wie finden Menschen ihren Platz in einer Gemeinschaft – mit ihrer eigenen Geschichte und so, wie sie sind? Themen, die auch im Sozialwerk eine besondere Bedeutung haben. Die Ausstellung greift sie aus unterschiedlichen Perspektiven auf: mit Musik, Migration und Erinnerung ebenso wie mit Fragen nach Identität, Gender und Sexualität.
Auch der Kirchenraum selbst wird Teil der Ausstellung: Große Holzkonstruktionen greifen Formen der denkmalgeschützten Kirche auf und schaffen Platz für die ausgestellten Arbeiten.
Wie unterschiedlich die Kunst diese Themen aufgreift, zeigte Lempelius an einzelnen Beispielen. In Emre Abuts Klanginstallation „Complete Cypher Vol. I“ verbindet sich Musik mit Erinnerungen an Jugend, Familie und Gemeinschaft. Cihangir Gümüşdürkmens „Mürenka“, ein auffälliger silberner Plateaustiefel, erinnert dagegen an den türkischen Sänger Zeki Müren und dessen extravagante Auftritte.
Lempelius machte die Hintergründe anschaulich, fragte nach Eindrücken und ließ Raum für eigene Gedanken. Anschließend konnten die Teilnehmenden die Ausstellung selbst erkunden und einzelne Arbeiten genauer betrachten.
Zum Abschluss war für einen kurzen Moment türkischsprachige Musik in St. Anna zu hören. Zuvor hatte Lempelius erläutert, wie Musik die Wahrnehmung eines Kirchenraums verändern kann – nun ließ sich genau das selbst erleben.






