Technik für mehr Teilhabe
Den eigenen Tag planen, Termine im Blick behalten, Freizeitangebote entdecken oder beim Kochen selbstständiger werden – assistive Technik kann Menschen mit Assistenzbedarf dabei unterstützen, mehr Eigenständigkeit im Alltag zu gewinnen. Digitale Assistenzsysteme erinnern ans Aufstehen, sprachgestützte Anwendungen helfen bei der Tagesstruktur, Tablets machen Angebote aus dem Sozialwerk und dem Sozialraum leicht zugänglich. Technik wird so zu einem Werkzeug für mehr Teilhabe – verantwortungsvoll eingebettet in den pädagogischen Alltag.
Diese Grundhaltung prägt das Verbundvorhaben „Assistive Technik im Wohnen in der Eingliederungshilfe“, das am Freitag, 30. Januar, dem Verwaltungsrat des Sozialwerks St. Georg vorgestellt wurde. Im Mittelpunkt standen der aktuelle Stand des Projekts und seine Bedeutung für die Gesamtstrategie des Sozialwerks.
Erfahrungen und Ausgangslage
Für das Sozialwerk St. Georg ist assistive Technik kein neues Thema. Bereits seit rund 20 Jahren sammelt das Unternehmen Erfahrungen mit technischen Assistenzsystemen, insbesondere im Pflegebereich, wo Sicherheit und Schutz im Vordergrund stehen – etwa durch Sturzsensoren oder Systeme, die nächtliche Kontrollgänge reduzieren.
In der Eingliederungshilfe verschiebt sich der Fokus. „Hier geht es nicht in erster Linie um Sicherheit, sondern um Selbstbestimmung und Teilhabe“, betonte Vorstandssprecher Wolfgang Meyer. „Die Frage ist: Wie kann Technik Menschen dabei unterstützen, ihr Leben eigenständiger zu gestalten – und gleichzeitig Mitarbeitende entlasten?“
Diese Frage bildet den Kern des Verbundvorhabens, das zum 1. Januar 2025 gestartet ist. Gefördert von der SozialstiftungNRW mit einem Gesamtvolumen von 2,5 Millionen Euro arbeiten zehn soziale Träger und zwei Hochschulen gemeinsam daran, assistive Technologien in der Eingliederungshilfe zu erproben und weiterzuentwickeln. Das Sozialwerk St. Georg koordiniert das Gesamtprojekt und setzt parallel ein Standortprojekt an der Nordsternstraße in Gelsenkirchen um.
Teil einer langfristigen Strategie
Zu Beginn der Präsentation ordneten Alexander Rolvering und Marc Padberg, Geschäftsführer der Sozialwerk St. Georg Teilhabe gGmbH, das Verbundvorhaben in die langfristige Strategie der Sparte ein. Der Handlungsdruck ist klar: Fachkräftemangel, steigende Anforderungen und der Anspruch auf personenzentrierte Leistungserbringung stehen in einem Spannungsverhältnis. „Technik kann dabei helfen, aber nur, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird“, so Meyer.
Genau hier setzt das Verbundvorhaben an. Es geht nicht darum, Technik vorschnell einzuführen, sondern Unterstützungsbedarfe zu klären und Technik so einzusetzen, dass pädagogische Beziehungen unterstützt werden.
Dr. Dorothée Schlebrowski und Elias Wildförster stellten in ihrer Funktion als Projektkoordination die Struktur des Verbunds vor. Zehn Träger erproben an unterschiedlichen Standorten assistive Technik und stehen dabei in engem Austausch – mit dem Ziel, übertragbare Ansätze für die Eingliederungshilfe zu entwickeln.
Chancen und Verantwortung
Die wissenschaftliche Begleitung übernehmen Prof. Dr. Kathrin Römisch von der Evangelischen Hochschule Bochum sowie Prof. Dr. Bernhard Breil und Prof. Dr. Edwin Naroska von der Hochschule Niederrhein. Dr. Kathrin Römisch erklärte, wie digitale Assistenzsysteme Orientierung geben, Kommunikation erleichtern und Selbstständigkeit fördern können – etwa durch strukturierende Tageshilfen oder digitale Erinnerungen.
Gleichzeitig wurden sensible Fragen offen angesprochen. Datenschutz, Freiheitsrechte und der Umgang mit erhobenen Daten spielen eine zentrale Rolle. Entscheidend ist ein bewusster Einsatz, der Selbstbestimmung ermöglicht und notwendige Steuerung transparent macht.
Wie diese Ansätze konkret umgesetzt werden, zeigte das Standortprojekt in der Außenwohngruppe an der Nordsternstraße in Gelsenkirchen. Acht Klient:innen erproben dort gemeinsam mit Mitarbeitenden verschiedene assistive Systeme, um Selbstständigkeit im Alltag zu stärken und Perspektiven für ein eigenständigeres Wohnen zu eröffnen. Die aktive Mitwirkung der Klient:innen ist dabei zentral. Ergänzt wurde die Vorstellung durch eine Live-Demonstration von Enrico Lörke, Geschäftsführer der Inhaus GmbH, die den Praxisbezug des Projekts verdeutlichte.
Norbert Killewald von der SozialstiftungNRW erläuterte digital zugeschaltet die Förderlogik des Verbundvorhabens. Ein Eigenanteil der beteiligten Träger ist vorgesehen, um Verantwortung zu teilen und nachhaltige Lösungen zu fördern.
Technik im Alltag erlebbar machen
Die Live-Demonstration und das Standortprojekt machten deutlich, worum es im Verbundvorhaben geht: Assistive Technik entfaltet ihren Nutzen dort, wo sie sich an den Zielen und Bedürfnissen der Menschen orientiert und im Alltag erprobt wird.
Oder, wie es Wolfgang Meyer formulierte: „Technik kann viel – aber sie ersetzt keine Beziehung. Unsere Aufgabe ist es, beides zusammenzudenken.“