Seelsorgliche Begleitung: Ein Angebot mit Zukunft
Rebecca Seekamp und Susanne Fabri haben vor mehr als sechs Monaten die Qualifizierung zur seelsorglichen Begleitung des Erzbistums Paderborn abgeschlossen (vgl. „Neue seelsorgliche Begleitungen im Sozialwerk“). Inzwischen ist aus der Weiterbildung gelebter Alltag geworden. Während Rebecca Seekamp als Persönliche Assistenz im Haus Geisweid in Siegen Klient:innen begleitet, führt Susanne Fabri, Leiterin der Stabstelle Seelsorge der Sozialwerk St. Georg Teilhabe gGmbH, vertrauliche Gespräche mit Mitarbeitenden. Welche Erfahrungen sie seitdem gesammelt haben und welche Chancen sie für das Sozialwerk sehen, erzählen sie im Interview.
Vor rund einem halben Jahr haben Sie Ihre Qualifizierung abgeschlossen. Was ist seitdem aus der Weiterbildung in der Praxis geworden?
Susanne Fabri:
Für mich ist durch die Qualifizierung ein neuer Aufgabenbereich hinzugekommen. Das Erzbistum Paderborn stellt mir dafür die nötigen zeitlichen Ressourcen zur Verfügung. In dieser Zeit begleite ich Mitarbeitende in vertraulichen Gesprächen. Dafür wurden mir zunächst drei Einrichtungen im Sauerland zugeordnet. Ich habe mich dort vorgestellt und das Angebot bekannt gemacht. Grundsätzlich können sich aber auch Mitarbeitende aus anderen Einrichtungen an mich wenden. Das ist auch schon öfter vorgekommen.
Rebecca Seekamp:
Bei mir sieht die seelsorgliche Begleitung ganz anders aus, weil ich direkt mit Klient:innen arbeite. Für meine Aufgabe stehen mir zusätzlich zweieinhalb Stunden pro Woche zur Verfügung, die ebenfalls vom Erzbistum finanziert werden. Diese Zeit ist fest für die Seelsorge vorgesehen. Ich biete unter anderem Abendimpulse an.
Was macht dieses Angebot aus Ihrer Sicht so wertvoll?
Susanne Fabri:
Viele Mitarbeitende erleben im Berufsalltag belastende Situationen. Oft kommen private Themen hinzu. Da tut es gut, mit jemandem sprechen zu können, der nicht zum direkten Team gehört und der der Schweigepflicht unterliegt. Viele nehmen sich bewusst Zeit für diese Gespräche. Sie könnten sie zwar auch während der Arbeitszeit wahrnehmen, vereinbaren aber häufig lieber einen Termin außerhalb ihrer Einrichtung oder an einem freien Tag. So müssen sie nach einem emotionalen Gespräch nicht direkt wieder in ihren Arbeitsalltag zurückkehren. Für viele ist genau dieser geschützte Rahmen wichtig. Ich muss nicht für alles eine Lösung haben. Oft hilft es schon, wenn jemand zuhört und gemeinsam dabei hilft, die Gedanken zu sortieren.
Rebecca Seekamp:
Die Gespräche entstehen ganz unterschiedlich. Manche ergeben sich bei einem Abendimpuls, andere bei einem Spaziergang oder einfach ganz nebenbei im Alltag. Oft bleiben wir nach einem Abendimpuls noch zusammen, singen, trinken etwas oder essen gemeinsam ein Eis. Gerade in diesen ungezwungenen Momenten entstehen Gespräche, für die im Alltag sonst kein Raum wäre. Manchmal verabreden wir uns aber auch ganz bewusst, wenn jemand reden möchte. Es gibt keinen festen Ablauf – wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und für die Menschen da zu sein.
Welche Begegnungen oder Erfahrungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Rebecca Seekamp:
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal geht es um Trauer, manchmal um Ängste oder um Fragen, die Menschen schon lange beschäftigen. Ich habe beispielsweise einen Klienten nach dem Tod seiner Mutter begleitet und bin mit ihm auch zum Friedhof gegangen. Solche Situationen gehören dazu. Genauso wichtig sind aber die vielen kleinen Gespräche zwischendurch. Oft geht es einfach darum, da zu sein, zuzuhören oder ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen.
Susanne Fabri:
Bei den Mitarbeitenden ist es ähnlich. Berufliches und Privates greifen oft ineinander. Es gibt selten nur das eine Thema. Häufig hilft es den Menschen schon, ihre Gedanken aussprechen zu können und zu merken, dass ihnen jemand aufmerksam zuhört.
Wenn Sie nach vorn blicken: Welche Perspektiven sehen Sie für die weitere Entwicklung?
Rebecca Seekamp:
Ich freue mich sehr, dass der Umfang meiner seelsorglichen Begleitung ab 2027 auf sechs Stunden erweitert wird. Das habe ich bereits mit der Regionalleitung besprochen. Diese zusätzlichen Stunden möchte ich bewusst nicht nur in meiner eigenen Einrichtung einsetzen, sondern auch außerhalb. Dort habe ich noch einmal eine andere Rolle. Ich glaube, dass es manchen Menschen leichter fällt, sich einer Person anzuvertrauen, die sie nicht jeden Tag im Alltag erleben. Deshalb möchte ich die zusätzliche Zeit nutzen, um die seelsorgliche Begleitung künftig auch außerhalb meiner eigenen Einrichtung anzubieten.
Susanne Fabri:
Ich wünsche mir, dass das Angebot weiter wächst und noch mehr Menschen davon profitieren können. Die ersten Erfahrungen zeigen, wie wichtig solche Gesprächsangebote sind. Ich würde mich freuen, wenn künftig noch mehr Kolleg:innen diese Qualifizierung nutzen und das Angebot an weiteren Standorten wachsen kann.
Mit Stephanie Rettler gibt es im Sozialwerk bereits seit rund zehn Jahren eine Kollegin, die seelsorgliche Begleitung in ihrer Einrichtung anbietet. Welche Bedeutung hat das für Sie – auch mit Blick auf die Zukunft?
Susanne Fabri:
Stephanie Rettler hat dieselbe Qualifizierung im Erzbistum Paderborn bereits vor rund zehn Jahren absolviert und bietet die seelsorgliche Begleitung im Haus Bestwig bis heute an. Das zeigt, dass dieses Modell langfristig funktioniert. Besonders wertvoll finde ich, dass das Erzbistum nicht nur die Ausbildung finanziert, sondern den Stellenanteil für die seelsorgliche Begleitung dauerhaft übernimmt. Dadurch entsteht kein zeitlich befristetes Projekt, sondern ein Angebot, das sich nachhaltig etablieren kann.
Solche Qualifizierungen gibt es auch in den Bistümern Essen und Münster für Einrichtungen in deren Zuständigkeitsbereich. Die Angebote sind je nach Bistum unterschiedlich ausgestaltet und richten sich an Mitarbeitende, die der katholischen Kirche angehören. Ich würde mich freuen, wenn künftig weitere Kolleg:innen diese Chance nutzen könnten. Natürlich ist die Weiterbildung mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden und die Einrichtungen müssen ihre Mitarbeitenden dafür freistellen. Das Angebot des Erzbistums Paderborn, das sowohl die Qualifizierung als auch einen Stellenanteil finanziert, schafft dafür besonders gute Voraussetzungen. Ich glaube, dass sich dieser Einsatz langfristig lohnt.
Rebecca Seekamp:
Das kann ich nur unterstreichen. Die Qualifizierung war intensiv, aber sie hat mir fachlich und persönlich unglaublich viel gegeben. Dass das Erzbistum nicht nur die Weiterbildung ermöglicht, sondern anschließend auch die Stunden für die seelsorgliche Begleitung finanziert, ist eine große Unterstützung. Ich hoffe sehr, dass noch viele weitere Kolleg:innen diese Möglichkeit bekommen.
